Wenn Realismus mehr ist als Wirklichkeit – „Neue Meister“ begeistern in der Stadtgalerie Wetzlar

Wetzlar. Kann ein realistisches Gemälde mehr zeigen als die Wirklichkeit? Mit dieser Frage eröffnete sich am Freitagabend in der Stadtgalerie Wetzlar ein spannender Dialog über die Bedeutung gegenständlicher Malerei im 21. Jahrhundert. Trotz hochsommerlicher Temperaturen waren zahlreiche Kunstinteressierte zur Vernissage der Ausstellung „Die Neuen Meister“ in die Stadtgalerie gekommen.

 

Kulturdezernent Jörg Kratkey begrüßte die Gäste, bevor Nikolett Simon vom Kulturamt in die Ausstellung einführte. Im anschließenden Künstlergespräch gaben Michael Krähmer, Joachim Lehrer, Siegfried Zademack und Marek Zawadzki Einblicke in ihre Arbeit. Die fünfte Künstlerin der Gruppe, Ines Scheppach, konnte an der Vernissage nicht teilnehmen.

Die im Jahr 2000 gegründete Künstlergruppe „Neue Meister“ versteht sich als Forum für die zeitgenössische realistische Malerei. Dass ihre 50. Ausstellung ausgerechnet in der Stadtgalerie Wetzlar eröffnet wurde, wurde vom Publikum mit spontanem Beifall aufgenommen.

Im Mittelpunkt des Künstlergesprächs stand weniger die handwerkliche Perfektion als vielmehr die Frage, was Realismus heute überhaupt bedeutet. Die Antworten regten zum Nachdenken an. Realismus, so die Künstler, sei nicht die möglichst exakte Kopie der sichtbaren Welt. Vielmehr gehe es darum, innere Bilder, Erinnerungen, Gefühle und Gedanken in eine glaubwürdige Bildsprache zu übersetzen.

 

„Jeder Mensch nimmt Wirklichkeit anders wahr“, lautete eine der zentralen Aussagen des Abends. Ein realistisches Bild müsse deshalb nicht zwangsläufig die objektive Realität zeigen. Vielmehr öffne es – wie ein Fenster – den Blick in eine persönliche Welt des Künstlers.

 

Auch die Symbolik spiele dabei eine wichtige Rolle. Wasser könne einen seelischen Zustand ausdrücken, ein Vulkan innere Aufgewühltheit symbolisieren, Fahrzeuge oder Gewichte zu Metaphern für Bewegung, Last oder Veränderung werden. Die Künstler knüpfen damit an eine lange Tradition symbolischer Bildsprache an, ohne den Anspruch realistischer Darstellung aufzugeben.

In Zeiten künstlicher Intelligenz und einer täglichen Flut digitaler Bilder erhält diese Form der Malerei eine neue Aktualität. Die Künstler verstehen ihre Arbeiten als entschleunigte Kunst. Was auf den ersten Blick an Fotografie oder KI-generierte Bilder erinnern mag, entsteht in Wahrheit durch sorgfältige Planung, klassische Maltechniken und oft monatelange Arbeit. Besonders die Ölmalerei bezeichneten sie als die „Königsdisziplin“, während jede Technik letztlich nur Mittel zum Zweck sei.

 

 

Einen bemerkenswerten Rat gaben die Künstler den Besuchern mit auf den Weg: Die Bilder zunächst einfach auf sich wirken lassen und nicht sofort nach einer Interpretation suchen. Denn manches erschließt sich erst beim längeren Betrachten. Passend dazu erinnerten sie an ein Zitat des venezianischen Malers Tizian, wonach ein gutes Bild nicht mehr als drei oder vier Farben benötige – monochrome Kompositionen könnten häufig eine stärkere Wirkung entfalten als besonders farbenreiche Werke.

Besonders spannend war die Diskussion über den Begriff des Realismus. Die Künstler machten deutlich, dass gegenständliche Malerei keineswegs im Widerspruch zu Fantasie oder Symbolik steht. Im Gegenteil: Gerade durch die Verbindung von präziser Darstellung und persönlicher Interpretation entstehen Werke, die den Betrachter zum Innehalten und Nachdenken anregen.

 

So wurde die Vernissage weit mehr als eine klassische Ausstellungseröffnung. Sie entwickelte sich zu einem anregenden Austausch über Wahrnehmung, Wirklichkeit und die Frage, welche Rolle handwerklich anspruchsvolle Malerei in einer zunehmend digitalen Welt noch spielen kann.

 

Im Anschluss an die offizielle Eröffnung nutzten zahlreiche Besucher die Gelegenheit, mit den Künstlern persönlich ins Gespräch zu kommen. Dabei wurde deutlich, dass hinter den auf den ersten Blick fotorealistisch wirkenden Gemälden nicht nur außergewöhnliches handwerkliches Können steckt, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Zeit und der Frage, wie Kunst heute Wirklichkeit sichtbar machen kann.

 

Die Ausstellung „Die Neuen Meister“ ist noch bis 30. August in der Stadtgalerie Wetzlar zu sehen. Gezeigt werden Landschaften, Architektur, Menschen und visionäre Bildwelten, die den Realismus nicht als bloße Wiedergabe der Wirklichkeit verstehen, sondern als Ausdruck individueller Wahrnehmung und künstlerischer Vorstellungskraft.

 

Text und Bilder Pia Thauwald